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Volkstanz auf frischem Lehmboden
01.11.2010 - 20:56:38
KREBSFÖRDEN - Wilhelm-August Stender bugsiert mit einem Traktor einen großen Sack Lehm durch die Eingangstür: "Dat oll’ Hus" in Krebsförden erhält derzeit einen neuen Lehmfußboden. "Besucher haben schon geschimpft", sagt Stender und lächelt verschmitzt. Das Familienmuseum lädt seit 15 Jahren zu vielen Veranstaltungen mit historischer Note ein. Nur der alte Lehmboden - über 300 Jahre alt - störte dabei oft. Tische wackelten, Stühle standen nicht sicher. Das soll sich jetzt ändern. Mit Rico Gehrke haben die Stenders endlich einen Experten gefunden, der den Boden so verlegen kann, wie es auch Handwerker im 17. Jahrhundert getan hätten. Der 37-Jährige aus Dorf Mecklenburg machte sich vor knapp drei Jahren selbstständig: Arbeit mit Naturbaustoffen. "Der Lehmbauer" steht an seinem Transporter; die Auftragslage sei gut.

Rico Gehrke verteilt den Lehm mit Harke und Schieber im Haus, glättet, dann rüttelt er ihn fest. "Das ist nur Lehm, Ton, Sand", sagt er. 70 Quadratmeter - etwa eine Woche dauere das Rausreißen des alten und das Einbringen des neuen Lehmbodens. Handarbeit wie im Jahre 1671, aus dem der frühere Untergrund vermutlich stammte. Den Rest muss die Zeit erledigen: Da der Lehm härten muss, können in den kommenden Monaten keine Besucher in "Dat oll’ Hus". Viele Ausstellungsstücke, die Leben und Arbeit vor Jahrhunderten dokumentieren, haben Ilse (74) und Wilhelm-August Stender (76) bereits in ihrem Wohnhaus verstaut.

Ilse Stender steht mit Kittelschürze in ihrer Küche und kocht Kartoffeln. Mit einem Messer prüft sie, ob das Gemüse gar ist. Dann setzt sie sich hin und hält einen Vortrag in Geschichte. Im Sommer führt die Rentnerin Jahr für Jahr rund 2000 Besucher durch das Museum, das Niederdeutsche Hallenhaus in Ständerbauweise - entstanden in den Jahren 1670/71. Touristenbusse stoppen hier und blicken unter das Reetdach in der Dorfstraße. "Wenn zwei Besucher kommen, kriegen sie auch eine Führung", so Ilse Stender.

Fast von Beginn an habe die Familie hier gelebt, bis die Urgroßeltern Wilhelm-August Stenders das benachbarte neue Wohnhaus errichteten. "Am 4.11.1883" nennt er das Datum immer wieder, so als ob er dabei gewesen wäre. Im 18. Jahrhundert sei das Haus ausgebaut worden, um die Lebensqualität zu verbessern, 1945 mussten dort Flüchtlinge unterkommen - bis die LPG das Gebäude der Familie als Abstellraum nutzte. Wilhelm-August Stender erzählt darüber, wie sein Vater den Regierenden die viereinhalb Hektar rund um den Hof in der Zeit der sozialistischen Kollektivierung abtrotzte. Nach der Wende bekam die Familie alles zurück, sanierte, baute aus. "Zuletzt stand nur noch das alte Haus wie eine zerzauste Henne daneben", erinnert sich Ilse Stender. Die Reetschicht auf dem Dach sei nur noch dünn gewesen; Wände bogen sich. Ihr Mann plauderte gegenüber "einem neugierigen Journalisten" von möglichen Plänen: Die Idee war geboren.

1995 eröffnete die Familie dann das Museum: ein Kleinod, das bäuerliche Lebensweise der Vergangenheit eingefroren hat. Ehrenamtlich hält das Paar die Türen seither offen - und betreibt dazu eine kleine Landwirtschaft. Vor fünf Jahren ließen die Stenders eine verfallene Fachwerkscheune aus dem Dorf auf ihrem Grundstück in neuer Pracht wiedererstehen. Ein weiteres Projekt wartet in Pampow: Dort haben sie ein Gebäude restaurieren lassen. "Das Geburtshaus meiner Mutter", sagt Wilhelm-August Stender. Als es verkauft werden sollte, habe er nicht widerstehen können.

Der Lehmfußboden ist ein weiterer Meilenstein für das Museum der Krebsfördener Familie. Es musste sein. "Ich habe 15 Jahre lang ausgefegt", sagt Ilse Stender. "Jedes Mal habe ich einen Zehn-Liter-Eimer voll gehabt." Sie plant bereits, wie ab April wieder das Leben dort toben wird: Vorträge, Volkstanz, Blasmusik.
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